Dieser Artikel ist im Bündner Monatsblatt 4 - 1999 (Seite 243 - 263) und in gekürzter Fassung in helvetia archaeologica 117 (Seite 31 - 41) erschienen
Georg 0. Brunner
Karrengeleise: ausgefahren oder handgemacht, antik oder neuzeitlich?
Zusammenfassung
Aus einer Reihe von Detail-Beobachtungen an
Karrengeleisen aus dem mediterranen und mitteleuropäischen Raum wird der
Schluss gezogen, dass diese in allen Epochen und Regionen im wesentlichen durch
Handarbeit entstanden. Sie geben einem Karren Führung und ebnen das Terrain.
Dank verbesserter Messtechnik und der Betrachtung von Innenkant-Massen der
Karrenräder kann eine Anzahl von Spurweiten auf den römischen Fuss zurückgeführt
werden und dies scheint ein Kriterium für die Zeitstellung darzustellen. In Römerzeit
wurde wahrscheinlich ein durchgehender Fahrtransit Julier-Mittelland-Jurapässe
mit der Spurweite 106 - 107 cm betrieben.
Einführung
Karrengeleise im felsigen Boden gehören zu den
dauerhaftesten Belegen früheren Verkehrs und in günstigen Fällen können sie
Informationen über die Fahrzeuge, die Transporteffizienz und die Zeitstellung
des Verkehrs geben. Wer die Rinnen betrachtet, fragt fasziniert, ob sie durch Räder
ausgefahren oder durch Handarbeit hergestellt worden sind.[1] Die Literatur ist
widersprüchlich. Für den Fall der prähistorischen Geleise auf Malta und Gozo
wird Abrieb angenommen (Trump, Ventura und Tanti), und zwei bekannte Entdecker
von schweizerischen Geleisen (Maloja/Julier: Planta; Bözberg: Laur-Belart)
vertraten die These «durch blockierte Räder beim Bremsen ausgerieben». Dies
fand mehr Zustimmung als Ablehnung (Heinz, Müller-Lhotska, Rageth), oder
man liess die Frage offen (Mottas). Etwas unverbindlich wird auch von
nachgeschlagenen Geleisen gesprochen (Drack und Fellmann), während einige
Autoren für bestimmte Lokalitäten eine absichtliche Herstellung nennen, welche
dem Karren Führung gibt (Bulle, Staehelin, Grenier). Bezüglich des Abriebs
sind mehrere Schlüsse gezogen worden: im Jura seien vorbereitete Rinnen innert
ca. 30 Jahren bis zur Unbrauchbarkeit ausgerieben worden (Schneider und Vogel
1995); da die Rinnen am Julier tief, am Septimer kaum vorhanden sind, seien im
Einbahnverkehr am Julier schwere Lasten von S nach N, am Septimer leichte von N
nach S gelangt (Planta); im harten Gestein des Juliers sei der Abrieb nicht so
schnell erfolgt und in Anbetracht der tief ausgeriebenen Rinnen sei daher ein
Fahrverkehr schon vor und dann auch nach der Römerzeit bis ins Mittelalter
betrieben worden (Ringel). Falls es gelingt, die Entstehung durch Handarbeit zu
belegen, wäre für die Zeitstellung aber ein gegensätzlicher Schluss möglich:
Handarbeit war nur mit römischem Support möglich, ohne diesen betrieb man
statt Fahrverkehr den anspruchsloseren und schneller an Rutschungen und
Felssturz anpassbaren Säumerverkehr.
Da also keine konkreten Abklärungen vorliegen, die Entstehungsweise der Rinnen
aber doch eine gewisse Tragweite hat, wird hier eine Reihe von Beobachtungen
vorgestellt. Sie belegen für fast alle Geleise Handarbeit für die zwei
Aufgaben, welche die heutige Eisenbahn mit aufgelegten Schienen anstelle der
eingetieften Rinnen erfüllt: der Weg wird geebnet für kräftesparenden
Durchgang, und die Geleise geben dem Fahrzeug Führung. Die Beobachtungen können
mehr oder weniger an Geleisen aus allen Epochen und Regionen gemacht werden. Die
aufgeführten Beispiele sind daher mit Absicht aus verschiedenem Umfeld gewählt.
Natürlich entsteht durch den Gebrauch ein Abrieb. Als unverbindlichen, groben
Hinweis auf die Relationen kann man an folgende Zahlen denken: Abrieb einige mm
bis 5 cm, Handarbeit 5 bis 50 cm Tiefe.
Weitaus schwieriger als die Entstehungsweise ist die Zeitstellung für den Bau
und die Benützungsdauer der Geleiseanlagen zu beurteilen, und allgemein fehlt für
Steinbearbeitung wie Felszeichnungen und Trockenmauern eine direkte
Datierungsmethode. Transportaufgaben wurden im mediterranen und mitteleuropäischen
Gebiet während Jahrtausenden nahezu unverändert mit Geleisen gelöst
(Transportzweck, Wagenbau und andere Umstände haben sich verändert). Geleise
auf Malta und Gozo stammen wahrscheinlich aus dem 2. Jahrtausend vor Christus (Trump;
seine Datierung nimmt ungefähr eine mittlere Stellung ein). Die gleiche
Zeitstellung ist für ein Geleise anzunehmen, das nach Schliemann zum Löwentor
von Mykene führte, heute aber nicht mehr sichtbar ist. Andererseits gibt es
z.B. in Frankreich und in der Schweiz Geleise, über die der Verkehr auch im
Mittelalter bis in die Neuzeit ablief und man muss damit rechnen, dass Geleise
neu in alte Trassees geschlagen wurden (Mottas, Reber, Schneider und Vogel). Für
die Schweiz wurde gesagt, «dass wahrscheinlich die meisten der heute noch
sichtbaren Karrgeleiserelikte der Schweiz aus der Neuzeit stammen» (Schneider
und Vogel). Ein naheliegender Versuch für eine Zeitstellung fusst darauf,
Spurweiten der Geleise mit Masseinheiten aus verschiedenen Epochen zu
korrelieren. Bisher hat das zu keinen konkreten Resultaten geführt. Durch
verbesserte Messtechnik und eine detailliertere Definition der Spurweite
gelangen neue Einsichten, die hier präsentiert werden und für eine Reihe
Geleise eine römische Zeitstellung nahelegen.
Beobachtungen zur Entstehungsart
1.
Ebene Rinnen im unebenen Gelände
Rinnen, die durch Abrieb entstanden, zeigen mit ungefähr gleichbleibender
Tiefe einen «auf-ab» Verlauf wie die Fels-Oberfläche. Bild 1
(links) gibt dafür ein Beispiel
aus Gozo (Inland Sea). Dagegen durchstossen
gemeisselte Rinnen, ihrem Zweck entsprechend, die Unebenheiten des Geländes «eben»
und die Tiefe variiert dementsprechend. Bild 1 (rechts) zeigt ein Beispiel von
Ballaigues (LK 1202 521.040/175.930 ostwärts). Der ebene Durchgang im unebenen
Gelände ist auch andernorts als
Beleg für Handarbeit angesehen worden (Pommeau und Bonte). In einigen
besonderen Fällen zeigt sich ein besonders geformter Verlauf, der ebenfalls
nur
durch geplante Handarbeit erklärbar ist. Ein extremes Beispiel ist in Bild 2
aus Malta zu sehen (Naxxar Gap, gleiche Stelle wie für Bild 5B). Einer der
beiden Rinnenböden erscheint plötzlich an der Oberfläche. Ein durchfahrender
Karren erleidet dadurch eine Schrägstellung, die mit effizientem Transport
nicht vereinbar ist. Vermutlich ist die Rinne so angelegt worden, dass ein
ritueller automatischer Abwurf einer Last erfolgte.[2]
2. Bearbeitungsspuren
Bild 3 zeigt in der Abwicklung einer Rinnenoberfläche
die Lage von Einbuchtungen, die als Meisselspuren zu interpretieren sind
(Julier, La Veduta). Die Umrisse haben näherungsweise eine
elliptische Form.
Wie Bild 4 zeigt, lassen sie sich mit Kreisschablonen abtasten. In einer
Stellung parallel zur kurzen Ellipsenachse passen die Schablonen in eine kreisförmige
Vertiefung, die der Rundung eines Meissels entspricht. Die Durchmesser dieser
Rundungen sind in Bild 3 angegeben. Die lange Ellipsenachse entspricht der
Schlagrichtung des Meissels. In antiken Steinbrüchen sind Meisselspuren oft als
lange parallele Grübchen sichtbar und es überrascht, dass sie in Geleisen eine
seltene Ausnahme bilden. Es mag zum Herstellungsverfahren gehört haben, die
Oberflächen zu glätten und auch Abrieb und Verwitterung spielen eine Rolle.
Zur Erhaltung der Grübchen der Bilder 3 und 4 hat beigetragen, dass das Geleise
kaum in Betrieb stand: es ist das unterste, jüngste einer Abfolge von mehreren
Rinnen entlang einer schrägen Felswand. Der Rinnenboden hat nahe bei den Grübchen
die Form eines Halbkreises mit nur 55 mm Durchmesser, der sich aufgeweitet hätte,
falls das Geleise länger in Betrieb gestanden wäre. Römische Rundmeissel sind
bekannt, doch erwiesen sich in einem Versuch Spitzmeissel als besser geeignet
zum Ausheben der Rinnen. Vielleicht dienten Rundmeissel zum Glätten der Oberfläche.
3.
Ein Abrasions-Experiment
Zur Klärung der Ausreib-Wirkung von
blockierten Rädern wurde ein geführter «Schlitten» gebaut, mit dem ein 4 cm
breites, gebogenes Eisenband (als Simulation eines Reifens von 1.2 in
Durchmesser) mit einem Auflagegewicht von 100 kg über eine Strecke von ca. 10
cm über eine Gesteinsprobe hin-und her geschleift werden konnte. Je eine Probe
vom Julier La Veduta (Gneis) und von Vuiteboeuf (Kalk) zeigten nach zehntausend
Passagen einen Abrieb von 1-2 mm. Die Jura-Probe lieferte weissen
Kalkstaub, die Julier-Probe ein schwarzes Pulver mit sehr viel Eisen. Abrieb
durch rollende Räder ist naturgemäss sehr viel geringer. Anders als Abrieb ist
das Ausbrechen von Gesteinsstücken am
Boden und vor allem an den Seitenwänden der Rillen zu beurteilen, wenn das
Gestein bröckelig ist. Ausbrüche bedingten vermutlich die kurze Lebensdauer
von ca. 30 Jahren von Geleisestücken zwischen Vuiteboeuf und St.
Croix (Schneider und Vogel). Dieser Strecken-Abschnitt weist
leichte Krümmungen auf, was eine erhöhte Beanspruchung der seitlichen Führung
bedingte.
4.
Das Rinnenprofil
In Fällen, in denen eine Neigung des Geländes zu
einer Schräglage des Fahrzeugs führt, können die Räder nicht nur am
Rinnenboden, sondern auch an den talseitigen Rinnenwänden anliegen. Diese
Berührungsflächen
sind schematisch in Bild 5A dick eingezeichnet. Falls die Rinne durch Abrieb
entsteht, würden diese Flächen abgerieben und die Rinne müsste das
gezeichnete asymmetrische Profil erhalten. Diese Form zeigte sich an keinem
Orte. Im Gegenteil: man kann sogar eine «überhängende» Rinnenwand
beobachten, wie Bild 5B zeigt (Malta, Naxxar Gap, es ist die rechtsseitige Rinne
von Bild 2). Das Rad hatte kräftebedingt keine Möglichkeit für einen Kontakt
mit der eingebuchteten bergseitigen Wand und konnte sie nicht abreiben. Dieses
Profil konnte nur durch Handarbeit entstehen.
Zwei der erwähnten Meisselspuren liegen direkt am rundlichen Rinnenboden,
dieser ist also rundlich gemeisselt worden. Da man die Rinnen mit Blick auf die
Reifen hergestellt hat, könnte man schliessen, diese hätten ebenfalls eine
rundliche Form gehabt. Dem ist entgegenzuhalten, dass sich nahe den
Meisselspuren die Bodenrundung innert einiger dm konusartig von ca. 55 auf über
100 mm Durchmesser aufweitet, was keiner Anpassung an eine Reifenform
entsprechen kann.
Sehr viele, auch regional und zeitlich weit auseinander liegende Rinnenböden
sind rundlich. Rundliche Rinnenböden haben den Vorteil, dass sie unter flachen
Reifen einen Hohlraum anbieten, in dem sich
hereingefallene Steinchen und Erde
sammeln und die Fahrt nicht behindern. Erde war vielleicht als Schutzbelag
akzeptiert und konnte das Ausreiben des Bodens verzögern. Das Geleise in
Hofstetten-Flüh (LK 1067 605.240/258.640 und wegabwärts) und dasjenige von
Bild 1 links sind Beispiele für relativ flache Rinnenböden, die anscheinend
ausgefahren und wenig ausgemeisselt sind. Flache Reifen werden sicher auch durch
Abnutzung etwas rundlich. - Als Besonderheit zeigt Bild 6 einen Rinnenboden von
Cap Couronne, in dessen Mitte eine zusätzliche kleine Rinne ausgebrochen ist,
vermutlich von vorstehenden Nagel- oder Schraubenköpfen am Reifen.
5.
Versetzungen
Die am Rinnenboden liegenden Pfeile von Bild 7
(links) zeigen auf Teilstücke der
Rinnenwand, die
zueinander parallel versetzt
sind (Maloja, LK 1276 774.770/142.780, gleicher Fels wie für Bild 8). Wenn man
Abrieb durch das Rad postuliert, müssten die Fahrzeuge bei jeder Passage von
Hand seitlich verschoben und an die jeweiligen Wandstücke gedrückt worden
sein. Plausibler ist, dass im Bereich des oberen Pfeiles mit Handarbeit eine
Verbreiterung dieser Rinne begonnen, aber nicht auf der ganzen Länge
durchgezogen wurde. Der Fels ist in zahlreichen Etappen abgearbeitet worden.
Unterhalb der unteren Pfeilspitze ist ein Relikt einer noch früheren Bauetappe
sichtbar.
An einem Geleise in Malta (Naxxar Gap) ist eine Versetzung
in beinahe humoresker Art vorhanden. Beide Rinnen eines Geleises
machen eine gleichartige S-Kurve, von denen eine in Bild 7 (rechts) zu
sehen ist. Weil die Rinne beidseitig dieser Versetzung etwa gleich eng
ist, handelt es sich hier nicht um eine nachträgliche Bearbeitung, sondern um
eine primäre Anlage. Kein Fahrzeug kann direkt auf einer solchen Route
verkehren, man muss es von Hand seitlich versetzen, was betrieblichen Abrieb als
gestaltende Ursache ausschliesst. Für effizienten Güterverkehr ist diese
Versetzung nicht geeignet, es ist an manuelle Verschiebung eines Kultwagens zu
denken (Abhängen böser Geister, die nur geradeaus gehen können ?)[3]
6. Parallele Rinnen am schrägen Fels
Bild 8 zeigt etwa 10 parallele geradlinige Rinnen-Relikte
entlang einer schrägen Felswand in der
Nähe von Maloja (gleicher Fels wie für
Bild 7). In diesem ebenen Abschnitt waren die Räder nicht blockiert und rieben
nicht am Boden. Es ist auch undenkbar, dass Karren mit blockierten und damit
unlenkbaren Rädern hätten auf der gleichen Linie entlang der schrägen Wand
geführt werden können. Es ist anzunehmen, dass der Fels in früherer Zeit als
breiterer Riegel die Durchfahrt störte. Vermutlich ohne Unterbruch der Benützung
wurde er dann in kleinen Stufen abgearbeitet, die jetzt reliktisch sichtbar
sind. Das oberste Rinnenrelikt stammt von der ersten von Hand geschlagenen
Rinne. Das Gegen-Rad lief vermutlich auf einer Aufschüttung. Als letzte,
nicht zu Ende geführte Nivellierung wurde die in Bild 7 (links) zu sehende
Rinnenwand bearbeitet. Parallele Rinnenrelikte entlang einer schrägen Felswand
sind auch an anderen Orten zu sehen, z.B. im Jura (Schneider und Vogel, Pommeau
u. Bonte). Für eine ähnliche Situation am Julier gibt Planta (Bd. 1, Bild 6c,
S. 21) die bekannte Erklärung mit Abrieb. In der Regel ist jeweils die unterste
Rinne als jüngste zu betrachten.
7.
Tritthilfen in den Radrinnen
Meistens sind die Rinnen so schmal, dass man nicht
darin gehen könnte. Bild 9 zeigt
zwei besondere Ausnahmefälle bei denen sie so
breit und mit Tritthilfen angelegt sind, dass man annehmen muss, Personal sei
darin gegangen, um die Karren - im geneigten Gelände - zu stossen. Der linke
Teil zeigt eine Rinne aus Malta («Clapham Junction», nach Regenfall), in der
in gleichen, für Menschen geeigneten Abständen Vertiefungen auftreten. Der
rechte Teil zeigt eine rundlich angelegte, wenig tiefe Rinne vom Mont Raimeux (Grandval,
LK 1106 599.140/ 238.520) mit Querrinnen in Abständen von 10-20 cm. Es
ist nicht einleuchtend, dass man solche Tritthilfen anbrachte, nachdem die Längsrinnen
durch die Räder ausgefahren worden waren. Plausibler ist ihre Herstellung als
Abschluss der Ausmeisselung der Rinnen.
8.
«Geknickte Linienführung»
Manche Geleise zeigen gleichmässig gekrümmte
Kurven mit Radien ab etwa 10 Metern aufwärts. In
manchen Fällen sind aber die
Geleise als Polygonzug aus linearen Segmenten von je ca. 2 bis 20 m Länge
zusammengesetzt, die mit mehr oder weniger «scharfen Ecken» ineinander übergehen.
Bild 10 zeigt ein Beispiel von Ballaigues. Wäre dieser Knick durch Karren
ausgefahren worden, dann hätte man die Karren jeweils an der Knickstelle
anhalten und die Deichsel mit Zugtier seitlich bewegen müssen. - Schnurgerade Linienführung über mehr
als etwa 10 - 20 m ist selten anzutreffen. Vermutlich hat man Rad-Abdrücke, die
sich nach kurzem Verkehr ergaben, als Segmente entlang von Richtlatten
ausgemeisselt, und zwar eine Rinne nach der anderen, wie unter Punkt 10
beschrieben. Solche Segmente sind in neuzeitlichen Geleisen (z.B. Ballaigues und
oberer Hauenstein) wie auch in wahrscheinlich antiken Geleisen (z.B. La Tanne)
vorhanden. Zur besseren Sichtbarmachung kann man in den Rinnen ein Seil spannen
oder eine Latte auslegen.
9.
Antiker Schwerverkehr
Von den für schwere Lasten gebauten Geleisen ist
der «Diolkos» wahrscheinlich die älteste Anlage (Bau unter Periander, ca. 600
vor Christus; Verdelis, Ashmole). Während Jahrhunderten diente sie dem
Schiffstransport über die Landenge von Korinth. Da der Untergrund weich ist,
sind gut bearbeitete Quader von je mehreren hundert kg Gewicht zu einer breiten
Strasse zusammengefügt, die zur Anpassung an das geneigte Gelände mit Kurven
angelegt ist. Im ufernahen Bereich, der am SW-Ende des Kanals zugänglich ist,
sind mehrere, nur wenig eingeprägte Abrieb-Rinnen vorhanden,
während im
Landesinneren zwei ca. 10 cm tiefe Rinnen eingetieft sind (Bild 11, militärisches
Sperrgebiet). An einer Stelle liegt eine zweite Schicht von Blöcken auf der
Strasse (ohne sichtliche Rampe für Zugtiere), was in moderner Analogie an
Leitplanken erinnert. Vielleicht wurden aber auch für den Übergang Wasser/Land
und im ufernahen Bereich vorwiegend Rollen verwendet. Die zusätzlichen Blöcke
hatten dann eine Funktion beim Umlad von Rollen auf Rad-Fahrzeuge. Eine ähnliche
Blockstrasse mit zahlreichen Geleisen ist beim Eingang zur Agora unterhalb der
Akropolis (Athen) zu sehen. - Diolkos wird vom griechischen Verb für ziehen,
zerren abgeleitet. Man kann an Seilzug ab festen Standplätzen oder beim Gehen
ähnlich dem Treideln von Schiffen denken. Seilzug (ev. mit Winden) könnte auch
im bergigen Gebiet Praxis gewesen sein, da Trampelspuren von Tieren nur an
wenigen Fundorten im flachen mediterranen Gebiet erkennbar sind.
10.
Die Idee von «Alpha» und «Beta»-Rinnen
Es stellt sich die Frage, wie man bei Hand-Herstellung
der Rinnen erreicht hat, dass das Geleise die richtige Spurweite erhielt. Dafür
ist eine einfache Erklärung möglich: man meisselte zuerst eine einzelne Rinne,
setzte einen Karren hinein und erarbeitete nach einigen Passagen die zweite
Rinne gemäss dem Abdruck des anderen Rades. Man kann demnach von einer zuerst
hergestellten «Alpha» - Rinne und einer danach erstellten «Beta» Rinne
sprechen. Im folgenden werden drei Beobachtungen beschrieben, welche diese
Vermutung stützen.
1) Im ebenen Gelände verläuft manchmal eine der beiden Rinnen auf dem
Felsboden, die andere knapp ausserhalb desselben im weichen Erdreich. Weshalb
hat man solche «Störungen» nicht durch andere Wahl der Geleise-Lage
vermieden? Wahrscheinlich war vor dem Bau die ganze Fläche mit Erde bedeckt. Führte
man die aufwändige Sondier-Arbeit nur für die Alpha-Rinne aus, so konnte
dann die Beta-Rinne auch ausserhalb des Felsbodens zu liegen kommen.
2) Gelegentlich ist eine der beiden Rinnen tief, die Gegenrinne aber nicht
gleichwertig ausgearbeitet,
was zu einer unbequemen Situation führen kann. Bild
12 zeigt ein extremes Beispiel mit 30o Schräglage (Julier, La Veduta,
LK 1256 774.970/149.360). Gemäss dem erwähnten Abrieb-Versuch wären zum
Ausreiben der tieferen Rinne etwa eine Million Passagen mit blockierten Rädern
in dieser unbequemen Schräglage erforderlich gewesen. Plausibler ist, dass als
Alpha-Rinne zuerst die tiefere Rinne so tief ausgemeisselt wurde um Felsspalten
auf einem durchgehenden Niveau zu durchfahren. Die höher liegende Rinne ist
nachher als Beta-Rinne noch nicht plangemäss ausgearbeitet worden.
3) Bild 13 zeigt eine ungewöhnliche Geleiseanlage mit drei Rinnen, die aus der
Talebene zu einem erhöhten keltischen Oppidum führt (Heidenstadt bei Saverne,
ca. 35 km NW Strassburg, N 48.7798o, E 7.3637o). Auf einer
Länge von mehr als 20 m ist ein Trasse aus dem anstehenden Felsen gehauen. Die
mittlere und die Berg-nächste Rinne verlaufen leicht geschlängelt, aber
parallel zueinander. Die Rinnenböden sind flach und stossen «eckig» mit den
flachen Rinnenwänden zusammen. Als Fortsetzung beobachtet man Schliffspuren auf
den beidseits anschliessenden Plattenbelägen und auf einem weiteren kurzen
Felsstück: Die Geleise sind soviel tiefer als die Schliffspuren, dass man für
ihre Tiefe Handarbeit annehmen muss. (Auch in der Literatur wird auf Handarbeit
geschlossen, Ring). Die Tal-nächste Rinne zeigt eine andere Machart und kann
mit keiner der anderen beiden gepaart werden, da sich unrealistische Spurweiten
mit grossen Variationen ergäben. Diese Rinne ist rundlich, sie verläuft
geradlinig, an ihrer talseitigen Flanke ist ein Ausschnitt für eine relativ
niedrige Radnabe sichtbar, sie verschwindet ohne Fortsetzung unter den
anschliessenden Plattenbelägen und sie ist anscheinend kaum benützt worden.
Man kann folgern, sie sei als ursprüngliche Alpha-Rinne in das von oben
her begonnene Trasse gemeisselt worden, wobei sich der Boden in der Fortsetzung
abwärts als nicht tragfähig erwies. Man musste die Rinne mit einer
S-Kurve näher an die Bergseite führen (sichtbar im linken unteren
Bildteil). Das konnte nicht befriedigen und anstelle der Beta-Rinne
erstellte man dann ein neues Geleise (möglicherweise in römischer Zeit; die
niedrige Nabenlage und das Oppidum deuten auf vor-römische Herstellung
des Trasses).
11.
Verhältnismässigkeit des Arbeitsaufwandes
Ein Argument gegen die Rinnen-Meisselung ist der
dazu notwendige Arbeitsaufwand. Zur Beurteilung muss man diesen in Relation zum
übrigen Aufwand für Strassenbau und andere Bauwerke betrachten. Wenn ganze
Trasses aus dem Felsen gemeisselt werden (Bild 13) oder eine Blockstrasse
erstellt wird (Bild 11), dann sind die Rinnen dazu «quantité negligeable». In
besonderen Fällen ist aber auch ein Treppenbau in «unnötig schöner» Weise
ausgeführt worden, die an Interieur-Machart erinnert. Bild 14 zeigt eine
für ihren Erhaltungszustand ausgesuchte Stelle bei La Tanne, LK 1125
578.770/229.920 abwärts. Die Tritte sind mit einer Umrandung ausgemeisselt,
zentrisch zwischen den Geleiserinnen angebracht und wirken als integrierender
Bestandteil dieser Anlage. Man hat es wohl nicht dem Zufall überlassen, ob es
gelingen würde, die Karren ohne handgemachte Rinnen zentimetergenau über die
Tritte zu ziehen. - Brücken und Tunnels sind im Zusammenhang mit Geleisen
praktisch unbekannt, doch gibt es offene Felsdurchbrüche, Dammaufschüttungen
(auch mit Bohlen-Unterlage) und Stützmauern und der Aufwand für die Rinnen
erscheint vergleichsweise nicht aussergewöhnlich
Es gibt aber auch Situationen, bei denen eine gemeisselte Geleiseanlage
gesamthaft gesehen nicht ohne weiteres «rentabel» wirkt.
Die Maloja-Julier-Bergstrecke wird im Nachwort besprochen. Bei der Treppenanlage
von Bild 14 kommen Zweifel an einem nennenswerten und effizienten Verkehr auf,
da die Umrandungen keine Abnützung, sondern nur Witterungserosion zeigen und
technisch gesehen unbefriedigend sind. Schmelz- und Regenwasser bleiben darin
gefangen und bilden bei Frost Glatteis. Salopp gesagt, könnte hier ein nachher
aufgegebenes «Erstlingswerk» eines Bauleiters vorliegen, der aus einem wärmeren
Klima zugewandert war. Es könnte sich aber auch um eine Art «Prozessionsstrasse»
handeln, die nicht rationaler Betrachtung unterliegt.
Die Datierungsfrage.
Römischer Alpen-Jura Transit auf genormten Geleisen?
Römischer Fahrverkehr im Flachland ist in
besonders schöner Weise als Mosaik in Boscéaz bei Orbe dargestellt
(reproduziert z. B. bei Herzig, Drack, Drack und Fellmann). Auch wenn damit der
Gebrauch von Wagen belegt ist, Wegstrecken auf der Peutinger-Karte
dargestellt sein mögen und durch Votivtäfelchen und Meilensteine bestätigt
werden, beweist das nicht den römischen Fahr
- Transit.
Geleise liefern den Fahr-Beweis, doch könnten sie auch «jung» sein und
die Frage, ob es einen durchgehenden römischen Alpen-Jura-Fahr-Transit gegeben
hat, ist trotz allen Detail-Kenntnissen nicht trivial. Geleise tragen aber eine
Signatur in sich, die plausibel (wenn auch nicht gesichert) mit der Datierung in
Zusammenhang gebracht werden kann: die Spurweite. Zuverlässig ist sie nur bei
relativ engen Rinnen als Distanz von Mitte zu Mitte der Rinnen, von tiefster
Stelle zu tiefster Stelle oder von einer inneren Wand der einen Rinne zu einer
äusseren Wand der anderen Rinne zu definieren, wobei im Idealfall alle diese
Masse gleich sind. Diese Geleisespurweite ist dann identisch mit der Spurweite S
der Karren, die darin verkehrten, und zwar gemessen von Reifenmitte zu Reifenmitte (man nimmt an, alle Karren hätten die
gleiche Spurweite gehabt, wenn nicht besondere Hinweise dagegen sprechen).
Leider sind viele ältere Literaturmasse von heute verschwundenen Geleisen «unbrauchbar»:
die Messweise wird nicht beschrieben und es handelt sich z.B. um Innenmasse oder
Aussenmasse, die einer hypothetischen kleinst- und grösstmöglichen
Karrenspurweite entsprechen. Zur Messung der hier genannten Weiten wurde das in
den Bildern 11 und 12 sichtbare teleskopartig verstellbare Gestänge benutzt,
das einen Radstand simuliert. Es lassen sich damit die Rinnen auch über lange
Strecken speditiv und «einfühlsam» abtasten, wobei je nach deren Form runde
oder flache «Schuhe» an den Stangenenden montierbar sind.
Wesentlich ist die Erkenntnis, dass frühere Handwerker die Spurweite der Karren
von Innenkant zu Innenkant der Räder
gemessen haben.[4] Diese Innenkant-Weite ist um eine Reifenbreite R
(anschaulich um zwei Hälften davon) kleiner als das obgenannte S.
Postuliert man, das Innenkantmass betrage ein n-faches einer zur Bauzeit gültigen
Masseinheit E (mit n = ganze Zahl), so gilt S = R + n.E.
Die Beobachtung zeigt, dass für römische und vorrömische Zeit für E
ein Palm einzusetzen ist (eine Handbreit = 1/4 des «römischen» Fusses von
29,6 = 7,4 cm). Römische Reifen sind etwas mehr als 3 cm breit (Drack), was mit
den engsten beobachteten Rinnen zusammen passt. Man kann mit einem unbedeutenden
Fehler die Reifenbreite als 1/8 Fuss (3,7 cm) idealisieren. Mit den genannten
Zahlen ergibt sich für römisch-vorrömische Spurweiten
S = 3,7 + n.7,4 (cm).
In der
folgenden Tabelle sind berechnete Spurweiten gerundet aufgeführt und es sind möglichst
schweizerische Fundstellen angegeben. Zur Zeit können Beispiele für 9
realisierte Werte der Skala genannt werden (5 in der Schweiz). Mit dieser «Treffer-Quote»
ist die «Palmi-Reihe» kaum ein Zufall und es ist noch mit Erweiterungen zu
rechnen. Messungen von längeren Geleisestrecken zeigen eine Variation der
Geleisespurweite, die ein Lagerspiel der Räder von etwa +-1 cm, im Ausnahmefall
+-2 cm erfordert. Für die Korrelation berechnete/beobachtete Spurweiten ist mit
Abweichungen in diesem Rahmen zu rechnen. Für die «Radspiel-Messung»
besonders geeignet ist das neuzeitliche Geleise von Ballaigues, das enge Rinnen
und eine starke Variation der Spurweite zeigt. Für die Herleitung der antiken
Spurweite könnte man auch das Aussenkant-Aussenkant-Mass und Multiple von
ganzen und halben Fuss oder von Palmipes (1 1/4 Fuss) verwenden, doch führt das
wegen des speziellen Wertes der Reifenbreite zu keinen neuen Werten von S.
Ein Einwand verdient weitere Untersuchungen: die Verwendung dieses «römischen»
Fuss-Masses wäre auch nach römischer Zeit möglich gewesen, ebenso wie es
bereits vorher etabliert war (die Handbreit von 7.4 cm ist auch als «hebräische»
Hand
bekannt; das Fussmass von 29.6 cm findet sich auch im alten ägyptischen
Kanon, Müller). Es ist aber hervorgehoben worden, dass im bündnerischen Raum
(womit der Alpen-Transit betroffen ist) nicht nur der Aufbau, sondern auch der
Zerfall der römischen Herrschaft zu einer raschen und radikalen Veränderung im
Bauwesen und auch in der Lebensweise führte (Rageth S. 106-108). Details
wie Karrenbau und Masseinheiten sind wohl nicht davon verschont geblieben und es
bildeten sich neue regional verschiedene Masse und Gewichte. Vielleicht decken
sich aber «Fussmass-Epochen» nicht genau mit den bekannten
geschichtlichen oder kulturhistorischen Epochen.
Spurweiten
S zwischen Reifen-Mitten, vom antiken Fuss
abgeleitet, gerundet (vgl. Bild 15)
1 Fuss = 29.6 cm, E = 1 Handbreit = 1 Palm = 1/4 Fuss = 7.4 cm,
Reifenbreite R = 1/8 Fuss.
|
n |
S (cm) |
Beispiele von Lokalitäten |
|
0 |
3.7 |
(nur Reifenbreite) |
|
12 |
92 |
(von Bulle erwähnt für den Federauner-Sattel) |
|
13 |
100 |
Mt. Raimeux-Grandval |
|
14 |
107 |
Maloja-Julier / Läufelfingen (im Bach) / Buchsiterberg / La Tanne / Péry |
|
15 |
115 |
Maloja-Julier |
|
16 |
122 |
La Tanne (Zweitspur durch Verbreiterung einer Rinne) / Saverne-Strassburg |
|
17 |
129 |
Donnas-Val d’Aosta |
|
18 |
137 |
Anwil / Hofstetten-Flüh |
|
19 |
144 |
Gutshof Winkel-Seeb, unsicher / franz. Lit. z.B. für via Domitia et Augusta |
|
20 |
151 |
Diolkos |
|
21 |
159 |
- |
|
22 |
166 |
Donnas-Val d’Aosta |
Beispiele von Spurweiten (Mitte-Mitte,
cm), die nicht mit der Rasterung der Tabelle übereinstimmen: Malta: Kontinuum
von 132-150 mit Häufung um 142; Cap Couronne (Frankreich): zwei Kontinua 104-110
und 125-136; neuzeitlich benutzte Geleise im schweizerischen Jura: oberer
Hauenstein 110; Bözberg 112; Ballaigues 112,5. Die Kontinua zeigen vermutlich
einen lokalen Verkehr über längere Zeit an.
Insgesamt ist die Koinzidenz von gemessenen Werten mit der tabellierten
Viertelsfuss- oder Palmi-Skala verblüffend; sie legt eine antike Zeitstellung für
diese Fundstellen nahe. Im Moment scheint es im Sinne einer Arbeitshypothese
gerechtfertigt, die Spurweite in dieser Weise als Alters-Kriterium zu verwenden.
Danach scheint es möglich, dass «Helvetien» über die Maloja-Julier-Strecke
und einige Jura-Pässe in römischer Zeit mit Karren von 106-107 cm Spurweite
durchgehend durchfahren worden ist. Das sagt nichts aus über die
Wirtschaftlichkeit im Rahmen des Gesamtverkehrs. Grosse Anteile an Waren sind
sicher gesäumt und im Flachland vermutlich auf breitere Wagen verladen worden.
Interessant ist ein Blick auf die «benachbarte» Via Claudia am Fernpass: dort
sind Spurweiten von 107 sowie ca. 140 cm in Bohlen eingefahren worden (Pöll,
siehe Walde, S. 30).
Nachwort und Folgerungen für den Julier
Nachdem Pioniere wie Armon Planta mit genialer
Intuition Linienführungen gefunden
haben, ist eine ausführliche Beobachtung von Details von Geleisen ein logischer nächster Schritt. An den
Verdiensten der früheren Forscher ändert sich nichts und der wegweisende
Charakter etwa von Plantas Arbeit bleibt bestehen, auch wenn sich Einzelheiten
jetzt in anderer Sicht darstellen mögen.
Der Befund von «Handarbeit» bringt Implikationen, die hier (etwas als
Hypothese) genannt seien. In allen Epochen sind Bergstrassen keine vollendbaren
Bauwerke, sondern ein Dauerproblem. Auf der Maloja/Julier-Route hat man
andauernd an der Verbesserung der Anlagen gearbeitet, wie etwa Bild 8 beweist.
Auch die zahlreichen bekannten Trassee-Varianten sowie eigene Neufunde der
Spurweite 115 cm neben der bekannten von 107 cm bestätigen das. Die unbequeme
Situation von Bild 12 ist zumindest temporär akzeptiert worden und die exakte
Anpassung der Neigung der Rinnenwand an die Neigung des Rades legt sogar ein für
längere Zeit vorgesehenes Provisorium nahe. Demnach haben die Geleisebauer die
Verfügbarkeit von Begleit-Personal zum Stützen, Ziehen, Stossen des Karrens
und zum Führen eines Zugtieres vorausgesetzt. Dieser permanente Aufwand für
Geleisebau, Unterhalt und Begleitung lässt schliessen, dass der fahrbare Alpen-Transit
den Willen und die Mittel einer gross-regionalen Verwaltung erforderte,
wogegen Saumverkehr in den Möglichkeiten lokaler Gruppen liegt. Die Geleise am
Maloja/Julier passen daher nicht nur wegen der Übereinstimmung mit der «14-Palmi-Norm»,
sondern auch wegen des Aufwandes in die römische Zeit. Vielleicht dienten sie
den «vehicula» des «cursus publicus», also dem kaiserlichen Nachrichten- und
Reisedienst. Seine private Beanspruchung verlangte auch von höchsten Beamten
eine schriftliche kaiserliche Erlaubnis (Herzig, Walde). Er musste meist von
Anwohnern unterhalten werden, was für unbewohnte Bergstrecken Fragen aufwirft.
Für den fahrbaren Julier-Transit waren somit vielleicht nicht nur kaufmännische
Überlegungen, sondern auch Gründe einer Staats-Raison ausschlaggebend.[5] Noch
früherer Geleise-Bau oder spätere Benützung und Unterhalt ohne römische
Organisation sind weniger plausibel.[6]
Weitere Geleiseforschung ist nach wie vor lohnend. Sie sollte sich nicht auf
eine Region beschränken, der Quer-Vergleich kann Informationen liefern. Neben
den lokalen Linienführungen gehören die Datierung und der Zweck der Geleise
(Prozessionen, Staatsraison oder effizienter, kostendeckender Transport) zu den
primären, aber mangels «direkter Methoden» schwer zu beantwortenden Fragen. -
Bei der Freilegung von Rinnen ist Vorsicht erforderlich, da Rinnen manuell
aufgefüllt und «geplättelt» sein können, z.B. zur Anpassung an andere
Spurweiten.
[1]
Unzutreffend haben sich die Worte Rinne und Rille eingebürgert, die sonst
Wasserabläufe bezeichnen. Besser wäre Furche, was auch dem englischen
Sprachgebrauch (cart rut) entsprechen würde.
[2] Im Laufe der Arbeit ergab sich die Vermutung, dass frühester Radtransport
generell für rituell-kultische Zwecke diente und echter Lasttransport erst ab
einem späteren Zeitpunkt erfolgte. Weitere Untersuchungen dazu sind im Gange.
Kultwagen sind aus der Bronzezeit wohlbekannt (z.B. Woytowitsch) und auch heute
noch für Prozessionen in Gebrauch (z.B. in Indien und Nepal). Bulle gibt eine
Zusammenfassung über antike Geleise für Prozessionswagen, z.B. hat
Nebukadnezar eine solche Geleisestrasse zu Ehren des Gottes Marduk herstellen
lassen. Auch die Bibel gibt Hinweise für den Transport von heiligen Objekten
(wenn auch ohne Geleise und Räder): Bundeslade (4. Mose 10, 33) und das goldene
Kalb (2. Mose 32, 1). Für die Räder der Westschweiz aus dem 27. Jahrhundert
vor Christus ist geschlossen worden, dass sie sich «..weniger von einem
wirtschaftlichen Bedürfnis, als von einem spielerischen Trieb ... » herleiten
lassen (Winiger).
[3] Wie Anmerkung 2
[4] Bei der heutigen Eisenbahn ist die Spurweite durch einen englischen
Parlamentsbeschluss von 1828 als Innenkantmass festgelegt: sie beträgt 4 Fuss 8
1/2 Inch (143.5 cm, 1 Fuss=30.48 cm). Das Mitte-Mitte-Mass mit dem metrisch
runden Wert 150 cm ist hier technisch wenig bedeutsam, da der Abstand zwischen
den vorstehenden Radkränzen festgelegt werden muss.
[5] Man kann fragen, weshalb zusätzlich am Septimer gesäumt wurde,
falls der Julier einen leistungsfähigen Fahrtransit anbot. Bei einem Versuch
mit Pferd und Wagen zeigte sich die Problematik der Traktion (Müller-Lhotska).
Interessant wären nähere Kenntnisse über Objekte, die sich nur auf Rädern
transportieren liessen. Kaufmännisch gesehen sind auch der hohe Verschleiss von
Fahrzeugen auf der Bergstrecke und Verluste bei Wintereinbrüchen in Rechnung zu
setzen (Saumtier-Karawanen können noch weiterstapfen, wenn Karren in Schnee-gefüllten
Rinnen stecken bleiben oder entgleisen).
[6] Die Annahme, der fahrbare Transit sei vom fernen Zentrum Rom
beeinflusst und nicht allein aus lokalen Kosten-Nutzen-Überlegungen gewachsen,
hat eine frappante gegenwärtige Parallele. Heute werden Verträge mit Brüssel
geschlossen.
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